Diplomausstellung 03
des Studiengangs Kunst der Hochschule für Gestaltung, Kunst und Konservierung (HGKK) Bern (ab 1. September Hochschule der Künste Bern (HKB) )


9. – 16. August 2003: Stadtgalerie, Kabinett und Kunstkeller Bern
Vernissage: 9. August, 18 Uhr Stadtgalerie, 19 – 21 Uhr Kabinett und Kunstkeller
Fest und Bar ab 21 Uhr, Stadtgalerie
Ö ffnungszeiten: Di – Fr 15 – 19 Uhr, Sa + So 12 – 16 Uhr

Der Studiengang Kunst der HGKK Bern präsentiert seine Diplome auch in diesem Jahr in den Räumen Bernischer Galerien. Fünf junge Künstlerinnen treten nach drei Jahren Studium mit einer grösseren Arbeit an die Öffentlichkeit. Dank der Offenheit von Stadtgalerie, Kabinett und Kunstkeller finden die StudentInnen unmittelbar Anschluss an die jüngste Kunstszene der Stadt, in welcher der Studiengang im Rahmen der ersten Hochschule der Künste der Schweiz ab dem 1. September noch vermehrt eine aktive Rolle spielen möchte.
Es mag ein Zufall sein, dass in diesem Jahr fünf Frauen abschliessen. Jedenfalls bedeutet es nicht, dass sich die künstlerischen Ansätze besonders nahe liegen. Die Vielfältigkeit der heutigen Kunstszene spiegelt sich auch in den Ateliers einer Kunsthochschule, so dass sich in der Passage durch die Galerien fünf verschiedene Positionen erschliessen:


Stadtgalerie:
Ana Roldan Sanchez
(* 1977 Mexico City)
Ana Roldan arbeitet in verschiedenen Medien, in Video, als Performerin, mit Installationen. „Stage“ – so nennt sich der neue Raum der Stadtgalerie. Kein Ausstellungsszenario wird damit aufgerufen, sondern die Vorstellung einer Bühne für Kunst, die keine Beziehung zum Theatralischen scheut. Ana Roldan macht sich diesen Ort mit einer minimalen Installation zu eigen: „Objekt Nr. 1“ erstreckt sich als ein langgezogenes Dreiecksprofil in Wachs dem Boden entlang, folgt dem Raum und teilt ihn zugleich in spitzem Winkel. Aus dem Off erklingt eine ruhige Stimme, die gelegentlich und in einfachen Variationen einen Text der Künstlerin spricht: „.... Und in jedem Ort kann ein Raum spielen. Wenn der Raum im Ort spielt, können viele Sachen erscheinen. Die sinnliche Bestie, der Dampf des Lebens, Landschaften, die man sich selber bauen kann...“ Dieses Objekt hat keinen Sockel mehr, oder könnte selber Sockel sein. Nur der Text gibt ihr einen neuen Rahmen, bindet sie an „Stage“ und weitet sie zugleich in andere Räume aus. Wenn das Gesprochene verklungen ist, bleibt die Bühne mit dem Objekt allein.

Esther Graber (* 1981 Sarnen)
Vielleicht lebt es, vielleicht atmet es, vielleicht stellt es eine einfache Lebensform dar – Esther Grabers Objekt trägt keinen Titel. Als Erreger oder Bazillus, der Krankheiten überträgt, greift es nach der Betrachterin und versucht sie mit tentakeligen Auswucherungen aus altem, grauvergilbtem Schaumstoff einzufangen und anzustecken. Geschwulstige Auswüchse und die unregelmässig strukturierte, raue Aussenhaut wirken abstossend und so, als wären sie unangenehm zu berühren. Das kugelige Ding spielt auf Reaktion, will Mitleid, lockt schauerlich schönes Gruseln im Betrachter: Durch analytische Distanz (ein Blick durchs Mikroskop) können selbst graue, widerliche Substanzen, die sich beispielsweise im eigenen Körper oder im Staubsaugersack finden, faszinierend und poetisch werden.
Wer sich im beengend kleinen Raum der Stadtgalerie am verschwitzten Schaumstoff vorbei mogelt, muss damit rechnen, in Kontakt mit dem Ding zu treten: Es wacht auf, bewegt sich schwebend und leicht, tanzt. Durch konsequente Verweigerung schenkt die Künstlerin ihrem Objekt ein Eigenleben mit der Fähigkeit zu fühlen und sich hinzugeben. Eine aussichtslose, einsame und traurige Hingabe allerdings: lieben wird man es nie – das Ding – im besten Fall wird man sich von seinem Ekel loskaufen und mit hingeschmissenen Almosen, getarnt als gute Tat, den Abstand halten können. Esther Graber schafft mit ihrer Arbeit ein herausforderndes Spiel um körperliche Präsenz und um aktives Hin- und Wegschauen.

Kabinett:
Kathrin Stengele (* 1968 Buochs):
Diese Arbeit entwickelt sich aus der Klangumgebung des Ortes, nur wenige Tage vor Ausstellungseröffnung. Kathrin Stengele wird sich in mehreren Nächten in die Geräusche der Galerie und auf der Strasse hinein hören, um sie optisch und akustisch aufzuzeichnen. Hinhörend wird sie mit beiden Händen gleichzeitig die Wände der Galerie bezeichnen, den Klängen in feinen und scharfen Strichen eines harten Bleistifts folgend. Die Geräusche der Zeichenstifte auf der Holzwand gehen wiederum in die Klangauf-zeichnung ein. Wer schliesslich die Ausstellung betritt, findet sich in einer minimalen Installation mit feinsten Wandzeichnungen und in einem Klangraum wieder, der, vielfach verfremdet, gedehnt und gestaucht, die Klangwellen des Ortes und des Arbeitens mit den aktuellen Geräuschen verbindet. Aus einer komplexen Verschränkung von Zeiten bildet sich eine neue Gegenwart des Werks. Den feinen Strichen antwortet ein „weisses Rauschen“, durchbrochen von brutalen Kratzern. Mit Klängen denkt Kathrin Stengele über den Ort der Entstehung und der Wahrnehmung und ihre eigene Tätigkeit nach. Die Zeichnerin wird zur Produzentin und zur Transformatorin von Klängen zugleich.

Olivia Borer (*1976 Schaffhausen)
AUTOR – der Titel des Werkes – weist den Weg in die Rauminstallation und wieder aus ihr heraus: Laut hebräisch-chaldäischer Numerologie stehen die Buchstaben A U T O R für die Zahl 20, für XX also, und XX wiederum ist die Nummer der Gerichtskarte im Tarot.
Das Gericht, oft als strafendes, als Angst und Schrecken bringendes betrachtet, könnte in einer besseren Welt oder in einer Fata Morgana der besseren Welt jedoch auch eine Befreiung darstellen, eine Befreiung dessen, was verschüttet oder gefangen war und durch Öffentlichkeit gewandelt werden kann. Diese Bedeutung ist eine glückliche; sie pfadet Wege aus Neurosen und Zwängen, aus Hemmungen und Scheu.
Die Transformationsmaschine ist gegenüber staatlich sanktionierter und anonym ausgeübter Gewalt eine begrüssenswerte, fast heitere Option. Aus dem Holz nicht mehr benutzter Möbel zusammengefügt, steht sie unbeschwert im Laden und wartet auf Inbetriebnahme. Nur zufälligerweise scheint die Ladenöffnungszeit vorbei – der Betrachterin zeigt sich weder Delinquent noch Beamter, der die Maschine bedient.
Und nur zufälligerweise steht die Maschine im Kabinett: Ihre Bauweise, ähnlich der vorgefertigter Häuser, die nach Anleitung zusammen gesteckt werden, ist darauf angelegt, dass sie von jedem und jeder an einem beliebigen Ort aufgebaut und in Betrieb genommen werden kann. So bleibt auch das Geheimnis der Maschine ungelüftet: Dient sie einer Transformation des Bewusstseins, ist es eine Zeitmaschine oder ist es die Secondhand-Version einer Beam-me-up-Maschine aus Raumschiff Enterprise?
Das präzise Gleichgewicht zwischen Material, Licht, Raum, Zeit und Ort macht die Maschine begehrlich: ein Gericht, dass nicht nur mit Schafott oder Guillotine zu sanktionieren wüsste, sondern Transformationen unbestimmter Absicht und Dauer verhängen könnte, möchte man ergründen.

Kunstkeller Bern:
Renée Magaña
(*1970 in Santa Monica / USA)
Renée Magaña ist Malerin. Obwohl ihre Beziehung zur Figuration zunehmend freier geworden ist und weite Passagen des Bildes von einer gestischen Malerei bestimmt sind, zeichnen sich in den Farbflecken und -feldern noch deutlich die Konturen von Köpfen, Gesichtern, von vereinzelten Körperteilen ab. In einem langen, vielschichtigen Malprozess lösen sich die Anspielungen auf fotografische Vorlagen weitgehend auf in Landschaften von Farben, die an die kalifornische Herkunft der Künstlerin erinnern: „Scape“ nennt Renée Magaña dieses Moment. Das Wort bezeichnet eine Szene, die Sicht auf ein bestimmtes Ding und gleichzeitig die malerische Darstellung einer Landschaft. Als Nachsilbe verweist der Ausdruck auf eine bildliche Darstellung: bodyscape. Auch wer das Bild betrachtet, scheint sich noch in den Prozess des Malens zu verlieren. Das abgeschlossene Bild hat eine Klarheit gefunden, ohne Stetigkeit zu behaupten. Es zeigt sich als ein gemaltes Bild und macht damit deutlich, wie sehr es sich heute als Malerei auch im Kontext aller anderen Medien behaupten muss.
Die Arbeiten der fünf Künstlerinnen nehmen unterschiedliche Positionen ein; gemeinsam ist ihnen aber das spürbare, stetige Suchen nach einem eigenständigen Ausdruck im Spannungsfeld zwischen der inneren und äusseren Globalisierung, wie sie zunehmend auch die Kunstwelt beherrscht. Nur radikal individuelle Forschungen werden durch Widerspenstigkeit ihren Ort in dieser homogenisierten Welt schaffen können.